Ohne digitale Methoden geht es kaum noch – die Krise hat Unternehmen zu schnellem Handeln gezwungen

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Für Unternehmen, die bei der Digitalisierung noch hinterherhinken, müsse die Krise „ein Weckruf“ sein, meint Achim Berg, der Präsident des Branchenverbandes Bitkom. Wir stellen vier Unternehmen vor, die schon hellwach sind.

Trumpf profitiert von Messe per Video

Während allenthalben Messen über Einschränkungen durch die Coronakrise klagen, hat der Werkzeugmaschinenbauer Trumpf andere Erfahrungen gemacht – zumindest teilweise. „Der Anteil der internationalen Besucher war sogar höher als bei der regulären Hausmesse“, berichtet Matthias Kammüller, Mitglied der Gruppengeschäftsführung, über die Veranstaltung mit rund 1000 Gästen. Oft sind die Wege lang für Ausländer – doch digital ist Ditzingen nur einen Klick entfernt. Messen sind natürlich nicht das Hauptmotiv für Trumpf, die Digitalisierung voranzutreiben. „Ohne die Vernetzung unserer Maschinen wäre der Umsatz niedriger, weil wir weniger verkaufen würden“, meint Kammüller. Konsequenterweise hat der Werkzeugmaschinenbauer einen eigenen Zentralbereich für die digitale Transformation mit 15 Mitarbeitern installiert. Unternehmensweit arbeiten mehr als 500 Beschäftigte an mehr als 40 Digitalisierungsprojekten.

Eine wichtige Rolle spielt dabei Künstliche Intelligenz (KI). Trumpf arbeitet mit verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen. KI ist lernfähig, kann an Regeln, die sie sich zusammenbastelt, erkennen, ob etwa eine Schweißnaht noch innerhalb der Toleranzbreite liegt. Wenn nicht, wird Meldung gemacht. Schon beim Motorenbau für Elektroautos sind also Algorithmen am Werk, nicht erst, wenn das Vehikel später einmal autonom fahren soll. Im Einsatz sind diese auch bei der Blechbearbeitung. Was eine Maschine bereits gelernt hat, kann auf eine andere übertragen werden. Dabei könne es sich auch um Anlagen bei Kunden handeln – sofern diese ihre Daten an den Maschinenbauer weitergeben. „Mir ist kein Fall bekannt, bei dem unsere Berater die Abläufe bei unseren Kunden durch digitale Lösungen nicht hätten verbessern können“, versichert der Digitalchef. „Die Coronakrise hat vieles beschleunigt“.

Stihl erschließt neue Geschäftsfelder

Dass Stihl neben Motorsägen und Heckenscheren auch einen Mähroboter im Programm hat, der über eine App gesteuert wird, ist schon normal. Doch dank Digitalisierung und VirtualReality-Brillen kann sich das Waiblinger Unternehmen jetzt vielleicht auch ganz neue Geschäftsmodelle erschließen: Trainingsangebote für Feuerwehrleute und Holzfäller. „Das ist eine gute Möglichkeit, den richtigen Einsatz der Säge zu üben“, sagt Tim Gegg. Er leitet den 2017 gegründeten Bereich Digitalisierung mit 20 Mitarbeitern.

„Digitalisierung ist für Stihl nichts neues“, meint Gegg, „jetzt geht es darum, die vorhandenen Dinge miteinander zu vernetzen“ – für die Kunden, aber auch im eigenen Unternehmen. Seit Ende 2019 bietet das Familienunternehmen eine App für Forstleute an. Damit können Informationen zu Bäumen hinterlegt, die Bäume digital markiert und somit schneller gefunden werden.

„Üblicherweise verwendet der Förster über 20 Prozent ihrer Zeit damit, mit Farbe markierte Bäume zu suchen“, berichtet der Digitalbereichsleiter. Trotz der kurzen Zeit gibt es bereits 1000 Anwender. In einem früheren Interview hatte Stihl-Vorstandschef Bertram Kandziora erklärt, man werde schon vor 2030 mit den Digitalaktivitäten Geld verdienen. Kein Wunder, dass das Unternehmen an verschiedenen Start-ups beteiligt ist – nicht als Geldanlage, sondern um von neuen Erkenntnisse zu profitieren.

Würth profitiert von digitalem Verkauf

Die Künzelsauer Würth-Gruppe will noch digitaler werden. Etwa 20 Prozent des Umsatzes werden momentan über digitale Verkäufe erzielt und es sollen noch mehr werden. Dennoch wollen die Hohenloher auch künftig nicht auf den persönlichen Kontakt zwischen Verkäufern und Kunden verzichten. Es ist auch kaum vorstellbar, auf etwas zu verzichtet, das der Firmensenior Reinhold Würth jahrzehntelang vorgelebt hat – zu den Kunden hingehen. Dennoch gibt es Bereiche, die ohne Elektronik überhaupt nicht denkbar wären. So etwa die Würth24-Shops. Über einen QRCode erhält der Kunde Zugang zur Niederlassung, Kauf und Bezahlung gehen elektronisch über die Bühne. Ein weiterer digitaler Baustein ist das Regalsystem Orsy, das merkt, wenn bei Kunden etwas fehlt und bestellt dies automatisch nach. Es mache etwa Handwerkern das Leben leichter. „Der Kunde will sich nicht mit der Bestellung von diversen Kleinteilen beschäftigen,“ sagt Bernd Herrmann, Mitglied der Konzernführung und verantwortlich für IT und elektronisches Geschäft. Für die regionalen Vertreter ändert sich dadurch nichts. „Alles was digital verkauft wird, wird dem Verkäufer gutgeschrieben.“ Auch intern setzt Würth auf Elektronik. So etwa bei Videokonferenzen mit oft mehr als 100 Teilnehmern. Für Herrmann steht fest: „Die Digitalisierung hat durch die Coronakrise nochmals einen Schub bekommen.

Ohne digitale Methoden geht es bei Vaude nicht mehr

Das Jahr hatte gut angefangen für den Tettnanger Outdoorartikelhersteller Vaude. Der Umsatz stieg bis Mitte März um sechs Prozent. Doch plötzlich sah es anders aus: Bis Ende März ging der Umsatz deutlich zurück, schuld war Corona. Die Krise brachte den Hersteller von Wanderbekleidung dann auf neue Wege: „Als es losging war es uns wichtig, dass die Konsumenten schnell jemand finden, der die Produkte persönlich vorbeibringen kann“, berichtet Manfred Meindl, der Leiter internationale Kommunikation und Online-Marketing.

„Deshalb haben wir in einer Nacht- und Nebelaktion die Plattform gemacht“. Auf dieser konnten Naturbegeisterte sehen, welche Vaude-Niederlassungen in ihrer Nähe sind. Dieses aus der Not geborene Angebot ist bei weitem nicht die einzige digitale Aktivität des Unternehmens. Mit einer Virtual-Reality-Brille können Kunden sehen, wie bei Vaude ein Produkt entsteht.

Auch intern hat das Unternehmen Erfahrungen mit der Digitalisierung gesammelt – etwa durch Video-Konferenzen. „Die Meetings werden dadurch kürzer, was früher eine Stunde gedauert hat, geht jetzt in 45 Minuten“, berichtet der Chef des Online-Marketings. Ohne Probleme habe man es so auch geschafft, die Verbindung mit den Händlern aufrechtzuerhalten. „Das ist für mich das wichtigste“, sagt Meindl, „Vaude ohne Digitalisierung kann ich mir inzwischen nur noch schlecht vorstellen“. „Ja klar“, sagt Meindl auf die Frage, ob die Krise auch neuen Schwung gebracht habe, „wir haben schneller neue Wege beschritten“.

Ulrich Schreyer

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